Wenn einer eine Reise plant – dann besser nicht mit der Deutschen Bahn

Verkehr
Verkehrswende
Autor:in

Jörg Kantel

Veröffentlichungsdatum

26. April 2023

Morgen wird mein Vater 94 Jahre. Aus diesem Anlaß haben meine Schwestern für das Wochenende eine Geburtstagsfeier in Meschede, dem Wohnort meines Vaters, geplant. Selbstverständlich möchte auch ich daran teilnehmen. Doch von Berlin mit der Bahn nach Meschede zu reisen, ist gar nicht so einfach. Doch der Reihe nach:

Da ein Geburtstag im allgemeinen nicht unerwartet wie ein Sommergewitter über einen hereinbricht, ist er normalerweise planbar. Also hatte ich schon am 25. Februar eine Fahrkarte (1. Klasse, man gönnt sich ja sonst nichts) online gebucht (ein Sparticket mit Zugbindung). Am 21. März erhielt ich dann die erste Meldung über eine Fahrplanänderung und daß die Zugbindung aufgehoben sei. Eine weitere Fahrplanänderung erreichte mich am 25. März um 9:30 Uhr und eine dritte am gleichen Tag kurz vor Mitternacht. Am 29. März trudelte die vierte Fahrplanänderung bei mir ein und gestern die fünfte und vorläufig letzte.

Da ich schon lange den Überblick verloren hatte und auch nicht wußte, wie man online eine Sitzplatzreservierung durchführt, ohne noch einmal eine Fahrkarte zu kaufen, war ich dann heute am Fahrgastzentrum im Bahnhof Südkreuz. Denn es ist meine erste größere Reise nach meinem Schlaganfall und ich kann und will daher auch nicht stundenlang im Zug stehen müssen.

Nach einer Stunde (sic!) Wartezeit wurde ich dann gnädig zu einem Schalter vorgelassen. Und dort erfuhr ich dann, daß ich gut daran getan habe, denn viele Züge waren ausgebucht und eine Sitzplatzreservierung selbst in der ersten Klasse war dort nicht mehr möglich. Doch der überaus freundliche und geduldige Mitarbeiter der Deutschen Bahn (ein Lob wem ein Lob gebührt) fand schließlich eine Verbindung, die zwar verlangte, daß ich etwas früher aufstehe, aber dafür komme ich auch – wenn alles nach Fahrplan läuft – eine Stunde früher in Meschede an.

Liebe Bahn, so wird das nichts mit der Verkehrswende, Wenn Ihr in Eurem neoliberalen Privatisierungswahn die Infrastruktur kaputtspart und nur noch auf Verschleiß fahrt, dann sind halt Zugausfälle und Verspätungen die Folge. Und liebe grüngetüchte Liberale: Nicht jeder kann Fahrrad fahren und nicht alles ist mit einem Fahrrad zu erreichen. Um eine Verkehrswende durchzuführen, muß nicht nur Geld in die Bahn- und ÖPNV-Infrasturktur gesteckt werden, sondern die Betriebe sind als Mittel der Daseinsvorsorge wieder in öffentliches Eigentum zu überführen. Notfalls müssen sie wegen totalen Marktversagens entschädigungslos enteignet werden. Da hilft das Geschwätz von Zerschlagung und weiterer Privatisierung, das momentan die CSU in die Diskussion wirft und das von Rot bis Grün gerne aufgegriffen wird, nicht weiter. Statt in weiteren Autobahnbau ist jeder Cent in die Bahn zu stecken. Aber nicht in die angeblich prestigeträchtigen Milliardengräber wie Stuttgart 21.

Und ich hoffe jetzt nur, daß mir nicht noch ein Bahntreik einen Strich durch die Rechnung macht. Nicht einmal ihre Mitarbeiter will die Deutsche Bahn AG anständig bezahlen, damit sie ihren Shareholdern weiter Geld in den Rachen stopfen kann. Heilige Einfalt!