Ein Archiv vergisst nie: Über Wolfgang Lefèvre

Politik
Geschichte
Wissenschaftsgeschichte
Autor:in

Jörg Kantel

Veröffentlichungsdatum

19. Februar 2026

Gestern fand die Beerdigung des am 25. Dezember letzten Jahres verstorbenen Wolfgang Lefèvre auf dem Friedrichswerderschen Friedhof in der Kreuberger Bergmannstraße statt. Er war nicht nur mein Hochschullehrer und langjähriger Kollege am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte (MPIWG) (ich berichtete), sondern auch ein Freund und politisches Vorbild. Die Beisetzung war Anlaß für mich, ein wenig in der Geschichte zu wühlen.

Am 30. Januar 1963 wurde der spätere Regierende Bürgermeister Westberlins, Eberhard Diepgen, als Vertreter des RCDS zum Vorsitzenden des AStAs der Freien Universität Berlin gewählt. Wegen seiner Mitgliedschaft in einer schlagenden Verbindung, der Burschenschaft Saravia zu Berlin, wurde er aber schon wenige Tage später, am 15. Februar 1963, in einer Urabstimmung mit hoher Wahlbeteiligung und deutlicher Mehrheit wieder abgewählt. Nachfolger wurde Wolfgang Lefèvre, sein Stellvertreter Peter Damerow (ebenfalls später mein Hochschullehrer, Kollege am MPIWG und Freund), zwei Vertreter des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS). Als beide als AStA-Vorstände 1965 die Resolution »Frieden für Vietnam« des »Ständigen Arbeitsausschusses für Frieden, nationale und internationale Verständigung, West-Berlin« unterzeichneten, empörte sich die Springerpresse mit Schaum vor dem Mund. Und so wurden die beiden auf einer zum Teil hitzigen FU-Konvent-Sitzung als AStA-Vorsitzende abgewählt (der Link führt zu einem interessanten, vierminütigen Beitrag in der Mediathek der Berliner Abendschau). Ihnen wurde eigenmächtiges Handeln, SED-Nähe und Gefährdung des amerikanischen Engagements in Deutschland vorgeworfen.

Auch in der studentischen Protestbewegung anläßlich des Staatsbesuches von Schah Mohammad Reza Pahlavi 1967 in Westberlin und des nie gesühnten Mordes an dem Studenten Benno Ohnesorg durch einen Zivilpolizisten waren beide aktiv. (Das sollte allen zu denken geben, die aktuell wieder einen Pahlavi als Führer des Irans unterstützen.) Der obige Film »Ruhestörung« des Institut für Filmgestaltung an der Hochschule für Gestaltung Ulm von 1967 (Regie: Hans-Dieter Müller und Günther Hörmann) ist ein interessantes Dokument aus dieser Zeit (Wolfgang kommt (mindestens) zweimal darin vor).

Das Bannerbild oben, das ich am 28. Juli 2006 im Archiv der Freien Universität Berlin in der Dahlemer Boltzmannstraße 20 aufgenommen hatte, zeigt, daß ein Archiv nie vergisst. Die Universität(en) aber auch nicht, wie dieser Spiegel-Artikel vom 10. Januar 1971 belegt, als sich Wolfgang Lefèvre in Alter von 29 Jahren um eine Assistentenstelle im Fachbereich »Philosophie und Sozialwissenschaften« der Freien Universität bewarb. Das löste eine erbitterte, universitätsübergreifende Professorenfehde aus, in deren Mittelpunkt Wolfgangs Dissertation mit dem Titel »Zum historischen Charakter und zur historischen Funktion der Methode bürgerlicher Soziologie – Untersuchung am Werk Max Webers« stand. Wolfgang hatte dennoch seinen Weg in die Wissenschaft gefunden.


Photo (cc) 2006: Jörg Kantel